Ungarn: Der YouTuber, den Orbán (noch) nicht kontrolliert

In einem Paralleluniversum namens Ungarn, dem Disneyland autoritärer Träumereien, gelingt es Premierminister Viktor Orbán tatsächlich, die komplette Medienlandschaft wie eine schlecht synchrone Puppenshow zu kontrollieren. Fernsehen? Check. Radio? Check. Printmedien? Natürlich. Selbst die Wettervorhersage wird wahrscheinlich per Fidesz-Freigabe durchgewinkt: „Heute herrscht Sonnenschein, weil Viktor es so will.“

Doch dann geschah das Unfassbare. Im finstersten Eck des Internets – dort, wo Katzenvideos und verschwörungstheoretische Aluhut-Tutorials nebeneinander existieren – erhob sich ein Mann mit einem YouTube-Kanal. Ein Mann, der furchtlos und öffentlich ausspricht, was andere nur hinter vorgehaltener Serviette ins Gulasch flüstern: Adam Nagy.

Ja, richtig gelesen. In einem Land, in dem investigative Journalist:innen genauso selten vorkommen wie freie Wahlen in Nordkorea, schneidet ein Typ mit WLAN und Kamera die Themen an, die Orbán lieber unter den ungarischen Teppich schiebt, auf dem vermutlich ein Porträt seiner eigenen Stirn prangt.

Mit seinen Videos erreicht Nagy Hunderttausende – das sind mehr Menschen, als bei Orbáns alljährlicher „Ich hab alles im Griff“-Ansprache nicht freiwillig eingeschlafen sind. Seine Themen? All die Sachen, die im staatlichen Fernsehen ungefähr so präsent sind wie ein Regenbogen beim Kirchentag: Korruption, Vetternwirtschaft, und, Schockschwerenot: echte Meinungsvielfalt.

Es ist fast so, als hätte jemand vergessen, das Internet in Ungarn ebenfalls unter staatliche Vormundschaft zu stellen. Vielleicht war das WLAN-Kabel zu kurz. Vielleicht reichte das Digitalbudget nur für einen neuen TikTok-Account von Orbáns Hund. Oder – Gott bewahre – vielleicht hat man dort unterschätzt, dass junge Leute, die keine Zeitung mehr lesen, trotzdem eine Meinung haben. Noch krasser: Sie wissen, wie man eine Kamera hält!

Dass Adam Nagy noch frei senden kann, ist entweder ein Versehen oder Teil eines größeren Plans. Vielleicht hofft die Regierung, dass ihn die Klickzahlen irgendwann dazu bringen, Werbung für Zahnaufheller oder dubiose VPN-Dienste zu machen und so seine politische Relevanz einfach wegmonetarisiert wird.

Aber bis dahin bleibt er ein äußerst seltener Vogel im ungarischen Medienzoo – eine Art journalistischer Phönix, der aus der Asche der Pressefreiheit wieder aufersteht. Und das Beste: Man kann ihm einfach zusehen. Ganz ohne Orbáns Segen. Noch.